"Das Böse"

 

Verankerung der Idee "des Bösen" in unserer Kultur

In der Bibel gibt es wenig Hinweise auf den Teufel oder einen Bösen Geist. Den Rang einer Gottheit erhält er in der Bibel auf keinen Fall. Gleichwohl ist in unserer Kultur die Figur des Teufels fest verankert:

Wir kennen eine große Zahl von Märchen und Geschichten, in denen Menschen mit dem Teufel einen Handel eingehen (beispielsweise Goethes "Faust"). Der Held dieser Geschichten hat ein Problem oder es ist ihm langweilig und da bietet ihm der Teufel seinen Dienst an. Der Teufel will dafür seine Seele. Die dafür gegebenen Güter sind überwiegend materieller Natur oder ohne tiefe Substanz. Sie lösen vordergründig ein paar Probleme, der Held findet keine Liebe und kein echtes Glück. Im Gegenteil wird er von seinen Mitmenschen, seiner Familie und seinen Freunden in der Konsequenz isoliert, sei es auch nur durch das Geheimnis, welches nicht mitgeteilt werden kann. Am Ende mogelt sich der Held in fast allen Fällen durch einen fadenscheinigen Trick um die Bezahlung mit seiner Seele herum.

In Hollywood ist der vermeintliche "Kampf des Guten gegen das Böse" Inhalt zahlloser Filme, in denen sich die Helden der "guten Seite" in ihren Mitteln dem "Bösen" in verblüffendem Maße angeglichen haben. Zudem wimmelt es von "bösen" Helden, die in einer Art von dem sogenannten "Bösen" besessen sind, wie sie im reellen Leben sehr selten ist. Die überwiegende Zahl von reellen Verbrechen wird von Menschen Begangen, die nicht bewusst böse Ziele verfolgen, sondern eher mit mangelnden Konfliktlösungsstrategien ausgebildet sind und in ihren Krisen überfordert sind. Vielfach orientieren sie sich in ihrem Wertebild an den sogenannten "guten Helden" dieser zahllosen Actionfilme als Leitbilder. Es ist ihr "Pech", dass ihre Geschichte nicht von einem Autor geschrieben ist, der 40 Minuten darauf hin konstruiert, dass in den letzten 5 Minuten die destruktiven Methoden dieser "guten Helden" in einer konstruierten Notwehrsituation als einziger Ausweg bleiben, in dem der "gute Held" dann Gewalt ausüben darf, ohne für sein Tun zur Rechenschaft gezogen zu werden.

In ähnlicher Manier werden heute Konflikte weltweit durch Waffenlieferungen, Ausbeutung und durch direkte geheimdienstliche Subventionen gezüchtet, bis dann die Großmachthelden in einer schlecht konstruierten "Notwehrsituation" ("Krieg gegen Terror") ferne Länder angreifen und Zerstörung und unendliches Leid hervorrufen.

Überraschenderweise gilt in Anlehnung an obige Mythen "das Teuflische" als Synonym für Genuss, Luxus oder für Befreiung von einengenden Konventionen ("ein teuflisches Vergnügen"). Unterschwellig ist ferner "der Teufel" vielen Menschen als dunkler Gegengott bewusst, der mit annähernd gleicher Macht ausgestattet wie der "gute Gott" mit diesem um die Vorherrschaft streite. Dabei ist den Menschen oft nicht bewusst, dass die Betrachtung des Teufels als Gottheit durch die Bibel nicht begründet ist. Sonst wäre das Christentum keine monotheistische Religion.

In diesem Kapitel will ich dem faktisch in unserer Kultur tief verankerten Bild vom Teufel aus verschiedenen Sichtweisen nachgehen:

Der Teufel als Schadensstifter

Die Idee eines Teufels beschreibt vereinfacht ausgedrückt eine Figur, die nur an Zerstörung ihre Freude hat und die keine anderen Visionen hat, als Leid, Zerstörung und Verirrung zu schaffen. Die Figur des Teufels hat im Allgemeinen nichts mit der Figur des Todes zutun, der unbestritten eine Notwendigkeit des Lebens als Kreislauf darstellt.

Identifizierung des Teufels mit anderen religiösen Figuren

Vielfach wird der Teufel mit religiösen Figuren identifiziert, die aus anderen Kulturen bekannt sind. Beispielsweise wird dem Gott Pan unterstellt, er sei eine alte griechische Variante des Teufels. Auch das Ying- und Yang-Symbol betrachten viele unter anderem als Symbol für die "Dualität von Gut und Böse" Die Kulturen, aus denen diese Figuren stammen, kennen aber die besagte Aufteilung der gesamten Göttlichkeit in "Gut und Böse" nicht. Daher ist es nicht naheliegend, dass diese Figuren mit unserer westlichen Auffassung des Teufels allzuviel zutun haben.

Der Teufel als "Gegengott"

Wenn wir Gott als den Schöpfer des Universums definieren, dann kann ein "Gott" der Zerstörung, sollte es ihn geben, kaum eine Gott vergleichbare Kraft sein. Das ergibt sich alleine aus dem Umstand, dass die Zerstörung erst auf der Schöpfung aufsetzen kann. Die Schöpfung hingegen braucht die Zerstörung nicht. Lediglich der Tod ist Bedingung für das Leben, wie wir es kennen. Der Tod ist aber nicht der Teufel.

Es gibt Dinge, die nur paarweise einen Sinn machen, wie beispielsweise elektrische oder magnetische Pole oder die Geschlechter Frau und Mann. Andere Dinge benötigen keinen Gegenpol, wie beispielsweise ein Mensch, die Erde oder das Universum. So benötigt ein Gott, der der Schöpfer des Universums ist, keinen Gegenpol. Zwar können wir mit unserem beschränkten Verstand einen Gegengott nicht ausschließen. Dass dieser Gegengott aber nichts anderes im Sinn hat, als die Schöpfung zu stören, entspricht nicht dem Prinzip zweier sich bedingender Pole. Auch die Überlieferung vom Erzengel Luzifer, der sich Gott nicht mehr unterordnen will, zeichnet ein anderes Bild: Demnach wäre Luzifer ursprünglich in der Hierarchie unter Gott angesiedelt und hätte keine dem Schöpfer vergleichbare Kraft.

Wäre Böses eine eigenständige Kraft, so hätte sie mit dem Ende des Lebens auch ein Ende. im absoluten Tod gibt es keine Möglichkeit für Böses, aber die theoretische Möglichkeit für einen Neuanfang des Lebens. Das Böse ist, betrachtet man es als eigene Kraft, maximal ein "Parasit", der sich vom Leben nährt, aber keine selbständige Lebenskraft. Das Böse kann sich maximal durch das Lebendige negativ definieren, aber das Leben kann selbständig bestehen.

Die Notwendigkeit zu Gegenpolen kann sich aber auch aus unterdrückten Realitäten ergeben. Die dreizehnte Fee aus dem Märchen von Dornröschen beispielsweise könnte für ein unterdrücktes Lebensprinzip stehen, welches sich für die Unterdrückung nachhaltig rächt. In jeder Kultur, in jeder Religion und somit beispielsweise auch im Christentum gibt es solche unterdrückten Realitäten. In einer pantheistischen Weltauffassung könnte einer solchen Realität dann ein eigener Gott gewidmet werden. Dieser läge im heftigen Widerstreit zu dem "unterdrückenden Gott", welcher das einengende Prinzip einer solchen Kultur verkörpert und würde dann vielleicht auch tatsächlich siegen, weil sich Realitäten wirkungsvoll und dauerhaft nicht unterdrücken lassen. Wenn wir beispielsweise die Unterdrückung von Homosexualität, Zölibat, Zurückdrängung von Weiblichkeit und Lustfeindlichkeit innerhalb der Katholischen Kirche dem angebeteten Gott zuschreiben, dann ergibt sich die Notwendigkeit der Erweiterung dieses Gottesbildes aus der Unterdrückung natürlicher Lebensprinzipien. Werden diese unterdrückten Lebensprinzipien dann einem "Teufel" genannten "Gott" zugeordnet, so wird auch ersichtlich, warum diesem ein so lustvolles Image zugetragen wird. An dieser Stelle will ich klar definieren: Der Gott, den ich verehren will, der soll keine Lebensprinzipien ausschließen oder andere "blinde Flecken" haben, die einen "Gegengott" erforderlich machen würden. Er soll ein universeller Gott sein. Ist das eine einengende Definition? Ich hoffe nicht. Einengende Definitionen in der religiösen Praxis führten in unserer Kultur gerade dazu, dass dem Christlichen Gottesbild solche Mängel entstanden waren, dass das Christentum als lustfeindlich dargestellt werden konnte.

Der "Zerstörungstrieb", der "Todestrieb"; die Wurzelsünden

Immer wieder taucht der Glaube an die "Sucht nach dem Bösen" auf. Dieser Gedanke ist verwandt mit dem Glaube an einen ursprünglich bösen Geist. Tatsächlich erleben wir uns ja auch so oft dabei, dass wir größte Lust oder Zufriedenheit dabei empfinden, wenn wir zerstören oder Zerstörung erleben. Es gibt allerdings auch andere Erklärungen als einen Zerstörungstrieb für diese Lust.

Mit Sicherheit lässt sich über das Phänomen des Lebens folgendes sagen: Leben ist ein pures Wunder, eine Kraft, die scheinbar aus sich selber heraus sich selber immer wieder neu hervorbringt. Eine Kraft in einer unglaublichen Komplexität. Eine Kraft, die ohne diese Komplexität sich nicht erneuern und fortbestehen kann. Diese Kraft darf nicht eine Sekunde schlafen, sondern richtet sich in jedem Moment aktiv gegen die "Schwerkraft" des Todes, der ja genau betrachtet nicht eine eigene Qualität ist, sondern lediglich ein partielles Enden der Lebenskraft eines Lebewesens bedeutet. Das Leben unterscheidet sich zum Beispiel von einem Uhrwerk dadurch, dass das Uhrwerk Zeit seines Uhrenlebens jeden Moment "weiß", was der nächste Moment bringt, das Leben aber begegnet jedem neuen Moment mit Kreativität, da jeder Moment Anforderungen an das Leben stellt, die noch nie zuvor in genau dieser Art bewältigt werden mussten. Zwar sind wir Menschen mit allen denkbaren Werkzeugen ausgerüstet, um neuen Anforderungen zu begegnen. Aber zu unterstellen, dass diese Werkzeuge im Falle, dass sie gesund sind, jeder neuen Herausforderung in optimaler Weise begegnen könnten und sie bewältigen können müssten, würde eine wesentliche Qualität des Lebens leugnen, die es von der Uhr unterscheidet. Leben ist ein Abenteuer. Der Tod ist allgegenwärtig und wir begegnen ihm in jedem Moment. Es muss nicht immer der Tod eines Menschen sein, es kann auch der Tod einer Freundschaft, der Tod eines schönen Abends sein der in einem langen Schlaf mündet, und so weiter... In jedem Moment verantworten oder erleben wir durch unser Handeln die Schöpfung des Beginns von Lebensabschnitten oder von Leben und ebenso das Ende von Lebensabschnitten und von Leben. Wenn wir das Leben als Wunder begreifen, dann fällt es leichter, Dinge, die wir als destruktiv bezeichnen würden in vielen Fällen als eine partiell eingeschränkte Lebenskraft zu begreifen, als ein Leben das einen Moment nicht aus der vollen Kraft oder nicht mit maximaler Geschicklichkeit gelebt wird.

Noch ein Versuch, der destruktiven "Lust" näher zu kommen: Wir erleben das Wunder des Lebens als das ständige kraftvolle Erheben gegen das "nicht Leben", die Erde, den leblosen Lehm. Leben strengt manchmal auch gewaltig an. Täglich müssen wir, erschöpft vom Leben, das Leben ein wenig loslassen und einen kleinen Tod sterben und uns dem Schlaf ergeben. Oft ist das Leben so anstrengend, dass wir nicht mehr aus noch ein wissen. Oft ist das Leben rein physisch recht einfach. Aber unsere Seele ist eingezwängt und weiß nicht, wie sie sich entfalten soll. Alles funktioniert, alle mögen uns, das Geld kommt rein, usw. Aber Die Seele, die uns vielleicht als Kinder noch erzählen konnte, was sie will, hat sich schon lange in einen entlegenen Winkel in unseren Körper zurückgezogen und fühlt sich von uns und unseren Freunden und Bekannten überhaupt nicht mehr verstanden.
Leben ist das gleichzeitige Angewiesen sein auf andere Menschen und die gegenseitige Begrenzung und Einengung der Entfaltungsmöglichkeiten. Nicht nur, dass es nicht jedem Menschen auf dieser Welt vergönnt sein kann, eine große Jacht zu fahren, einen Privatjet zu fliegen, ein großes Schloss zu bewohnen - auch seelische oder psychische Bedürfnisse verschiedener Menschen ergänzen sich zum Teil, und grenzen sich auf der anderen Seite gegenseitig ein. Wir sind auf Beziehungen angewiesen. In Beziehungen kommen unsere Seelen auf einem sehr schmalen Korridor in einen Austausch, in eine Kommunikation. Aber Teile unserer Seelen können zu anderen Menschen nicht in Austausch treten und können sich nicht entfalten. Diese gegenseitige Einschränkung erzeugt oft Wut oder den Wunsch, das Begrenzende zu zerstören. In vielen Fällen ist Tod ja die Voraussetzung für neues Leben. Das kann auch Zerstörung manchmal bewirken. Das eingeäscherte Haus macht den Raum für ein neues. Die eingerissenen Traditionen geben Raum für neue Konventionen oder ein Leben mit weniger Konventionen. Die zerstörte Beziehung macht Luft für Teile unserer Seele, wieder oder endlich Raum zur Entfaltung zu finden. Eingeengte Seelen können großen Spaß an verbrannter Erde finden, auf der Raum für neue Entfaltung, neues Wachstum entstehen kann. Ich denke, diese Betrachtung macht es denkbar, dass "Sucht nach Bösem" aus durchaus lebendigen Kräften entspringen kann. Damit ist nicht gesagt, dass die Zerstörung diesen Raum tatsächlich schaffen kann. Noch bietet die Erde allen Menschen genügend Ressourcen, um alle zu ernähren. Der Privatjet und die große Jacht machen die Seele nicht freier, engen aber im Übermaß genossen die Freiheit anderer Menschen ein, sei es durch Raub an Ressourcen, sei es durch Versklavung. Nur sehr selten stehen andere Menschen tatsächlich der Entfaltung einer Seele im Wege. Der Weg zur Entfaltung ist ein Weg der eigenen Entwicklung. Die Verlagerung der eigenen anstehenden Entwicklung in die Zerstörung anderen Lebens ist in der Regel eine Fehlleitung, die auch die eigene Entwicklung gefährdet. Sie bringt keine Lösung und die eigenen Lebensmuster bleiben unangetastet, die Muster der Einengung bestehen fort. Dazu kommt eventuell die Belastung der Seele durch die aufgeladene Schuld. Eine typische Fehlleitung im Sinne von Fatamorgana. Bei Aller empfundenen Lust ist auch diese Form von "Lust am Bösen" keine eigenständige Kraft.

 

Die Wirkung des Bundes mit "dem Bösen"

Von kurzatmigen Verheißungen in die Isolation

Fast immer wird uns "der Teufel" oder "das Böse" als Verführer vorgestellt, der die Seelen der Menschen "einkassieren" will und der dafür ein vordergründig verlockendes Angebot macht. Vordergründig deshalb, weil er im Sinne der Seiten "Seele", "Fata Morgana" und "Sehnsucht" mittelbare Werte wie Geld, Macht oder Liebessurrogat (Nähe, die durch Zwang oder Täuschung entsteht, aber nicht durch Zuneigung zur Person) verspricht. Im dann vorliegenden Kontext ist die Erfüllung der dahinterliegenden Sehnsüchte in der Regel sehr unwahrscheinlich. Unwahrscheinlich aus folgendem Grund: Nehmen wir an, dass hinter den mittelbaren Wünschen nach Geld, Macht und Liebessurrogat die tatsächliche Sehnsucht nach Nähe zu Gott, nach Liebe und die Angst vor dem Tod und dem Leben stehen. Durch die "Erschleichung" der mittelbaren Werte entsteht somit eine Isolation von den Menschen, von denen wir geliebt werden wollen. Auch von Gott vollzieht sich eine Isolation, weil wir ihm nach einem solchen Pakt nicht mehr gerne in die Augen sehen wollen. In der dann folgenden Einsamkeit sind wir dem Leben und dem Tod noch viel schutzloser ausgeliefert, als in Verbindung mit echten Freunden und in Verbindung mit unserer Seele und mit Gott. Diese Isolation entsteht deshalb, weil wir mit unseren Freunden, mit unseren Geliebten und mit Gott nicht offen über die Umstände unseres vordergründigen "Erfolges" reden können. Eine Religion, die auf der Wahrheit und der Liebe basiert, kann hingegen mit allen Freunden geteilt bzw. mitgeteilt werden. Eine satanistische "Religion" hingegen kann nur mit Menschen geteilt werden, die sich ebenfalls in der gleichen Lage befinden. Die Isolation gleicht der Isolation, wie sie aus Sekten bekannt ist. Die Angst, bei Aufkündigung des "Paktes" auf die durch den vermeintlichen Pakt mit dem Teufel gewonnenen Privilegien verzichten zu müssen, und die Angst, von den ahnungslosen Mitbürgern entdeckt zu werden, schweißen den vermeintlichen Pakt mit dem Teufel fester und verhindern jegliche offene Aussprache mit Freunden, außer den falschen Freunden. Unter falschen Freunden, sprich anderen Satanisten, ist die offene Aussprache nicht möglich, weil sie sanktioniert wird und weil die gemeinsame Angst auch eine Angst vor der Wirklichkeit ist. Der Teufel muss bis dahin überhaupt nicht als tatsächliche "göttliche Figur" existieren, das "Einkassieren" der Seelen der mit ihm vermeintlich paktierenden ist bereits gelungen. Die vermeintlich begünstigten leben seelisch in einer "Hölle auf Erden". Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, sei es als "ewiges Leben" oder als Wiedergeburt, kann vermuten, dass diese bereits im irdischen Leben schmerzliche Verirrung der Seele in dem darauffolgenden Zustand fortgesetzt wird oder aufgearbeitet werden muss.

Von der Isolation in die Abhängigkeit

Aber wie kommt es, dass der Teufel so häufig mit Luxus und Genuss in Verbindung gebracht wird? Nicht selten stellt uns eine Werbung ein "teuflisch gutes Vergnügen" in Aussicht. Ein niedlich im Kindchenschema mit großen Augen und großem Kopf dargestelltes Teufelchen kündigt diverse Dienste an. Und, wie oben festgestellt, steht im Märchen und in der Literatur der Teufel fast immer für "unseriöse", aber vordergründig sehr verlockende Angebote. In der Realität werden uns solche "teuflisch attraktiven" Angebote nicht selten von reellen Menschen gemacht. In der Politik verhelfen zur Macht nicht legitimierte Menschen (z.B. Industrielle oder Finanzer) Politikern, die entweder bereits eine gewisse Macht haben oder die diese erlangen wollen, entweder zu finanziellen Vorteilen, oder über Netzwerke in mächtige Positionen. Aber auch dem Wähler werden nicht selten unseriöse Angebote offeriert: Sicherheit durch Massenvernichtungswaffen, Sicherheit durch totale Überwachung, Reichtum durch Ausbeutung und durch Ausgrenzung von Ausgebeuteten, Bequemlichkeit durch Ausbeutung von Menschen und von Ressourcen, Wohlstand durch Verschuldung, "Sozialstaat" ohne Verlust an Lebensstandard durch Staatsverschuldung, etc..

Der Glaube an "Das Böse" ist eine Art "Religion", und das Leben in Gruppen, die solche "Werte" leben, isoliert die Betroffenen extrem und macht sie abhängig von den "Gönnern" der vermeintlichen Privilegien. Die Abhängigkeit eines geschmierten oder gegen beliebige Dienste in irgend einer Weise begünstigten Politikers vom Geldgeber oder Gönner und die Isolation von den Bürgern, denen der Politiker Rechenschaft schuldet, ist perfekt. Aber auch die verführten Bürger gelangen in Abhängigkeit, wenn sie falschen Werten hinterherjagen. Verwundert es Sie nicht, wie versklavt wir heute unter einem immensen Erwartungsdruck in der Arbeit leben, um auf einem nie gekannten Niveau von "Lebensstandard", sprich Ansammlung von teilweise überflüssigen Gütern, zu überleben. Das Wort "Effizienz" scheint uns zum Fluch geworden zu sein, dabei würde es genau genommen bedeuten, dass wir unser Leben mit größter Leichtigkeit bewältigen könnten. Tatsächlich erhöhen wir unter "Effizienzdruck", verstanden als Leistungsdruck, den Output unserer Produkte und Dienstleistungen, die keiner mehr benötigt, um immer mehr Angst sogar um das wirtschaftliche Überleben zu haben. In der Verpflichtung zu unwichtigen Werten schwindet der zeitliche, wirtschaftliche, gestalterische und organisatorische Freiraum und weicht einer Fremdbestimmung. Dabei erscheint uns der Raum zwischen einem Luxusleben mit "Vollausstattung" und einem Leben in der Armut extrem klein geworden zu sein. Die Flexibilität des Verzichtes auf Überflüssiges und der Beschränkung auf Lebenswichtiges, die unser Leben so enorm erleichtern könnte, ist uns weitgehend abhanden gekommen. In der so entstandenen inneren Not ist uns das Mitgefühl für materiell wesentlich ärmere Menschen außerhalb unserer Kultur ebenfalls abhandengekommen. Dankbar greifen wir gefälschte Berichte von uns so feindselig erscheinenden fremden Kulturen wie dem Islam auf, um unsere innere Isolation perfektionieren zu lassen (Totale Überwachung im "Kampf gegen den Terrorismus"). Das Machtfeld der Logik "des Bösen" ist, offen oder verdeckt, eine mächtige Waffe in der Hand von Menschen, die Macht über andere Menschen erlangen wollen.

Kann es Spaß machen, "böse" zu sein?

Rigide Auslegungen der Bibel mit der Betonung auf dem Verbot von allem was Spaß zu machen scheint, erzeugten bei vielen Menschen im Umkehrschluss den Eindruck, Sünde müsse Spaß machen. Ich würde bildlich genau im Gegenteil sagen: Sünde ist, wenn Sie die Gelegenheit zu einer Liebesnacht mit dem für Sie besten denkbaren Partner, den es gibt, nicht wahr nehmen. Mit anderen Worten: Sünde und das Böse ist ein synonym für versäumtes Leben, für Zerstörung und nicht für den Aufbau. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Als Sünde wird vielfach der Geschlechtsverkehr mit diversen Partnern dargestellt, sofern er sich nicht im Rahmen der Ehe abspielt. Tatsache ist, dass die freizügigsten "Lover", die am meisten gegengeschlechtliche Personen verführt haben, die größten Probleme mit Beziehungen haben und somit große Chancen haben, genau die Nacht oder viele Nächte mit dem bestmöglichen Partner zu "verschlafen". Ob nur die Ehe den Rahmen für eine erfüllte Beziehung darstellt kann ich nicht ermessen. Mit diesem Beispiel will ich lediglich zeigen, dass es keine Sünde gibt, die zu mehr Befriedigung führen kann, sondern dass Sünde immer ein Verlust für den Kern der Person darstellt. Ich sage dies vor allem, weil uns so oft subtil vermittelt wird, dass im vollkommen ungezügelten (das alleine halte ich nicht für primär sündhaft) und vor Allem im explizit satanistischen und sadistischen Leben die totale Erfüllung zu finden sei. Dies ist mit Sicherheit die effizienteste Form der Selbstzerstörung.

Wie verkauft man seine Seele?

Bleiben wir zunächst noch einmal bei den Märchen, in denen der Held seine Seele in einem schlechten Handel verkauft: Ich will es nicht für ausgeschlossen halten, dass ein wie auch immer gearteter Geist einen solchen Handel durchführt und in der Lage ist, eine Seele gewissermaßen einzukassieren (Wenn ich es nicht für ausgeschlossen halte, heißt es nicht, dass ich es glaube). Auch die Kraft von Ritualen sollte keinesfalls unterschätzt werden (und ein solcher Handel ist eine Art Ritual). Es verblüfft mich allerdings schon, dass hunderte von Märchen von diesem Ritual berichten und dass kein mir bekanntes Märchen von einem Gegenritual berichtet, in dem in Held beispielsweise mit Gottes Hilfe diesen Bund aufhebt, anstatt durch eine List, die ja die Wirkung des Bundes nicht in Frage stellt. Ist es einem beliebigen Geist tatsächlich möglich, die Seele irreversibel abzukaufen, oder findet der Verlust der Seele vielleicht auch an einer anderen Stelle statt?
Beim Nachdenken über diese Frage kam mir vor einiger Zeit das Kunstmärchen Momo von Michael Ende in den Kopf. In diesem Märchen findet dieser Verkauf ohne Ritual schleichend statt, durch Fokussierung falscher Werte. In dieser Geschichte leiten "Graue Männer", die unvermittelt erscheinen, die bislang gesunden Bürger der Stadt an, unwichtige Dinge für wichtig zu halten und ihnen mit höchster Anspannung nachzugehen. Dabei vergessen die irregeleiteten Bürger die wichtigen Dinge wie Liebe und das Erleben des Moments. Sie verloren ihre Zeit, oder, wie ich es formulieren würde, ihre Lebendigkeit und Eigenständigkeit. Die Heldin der Geschichte, das Kind Momo erreicht ihre irregeleiteten Freunde durch bloßes Zuhören und ermöglicht ihnen dadurch, dass sie sie versteht, wieder die wichtigen Dinge zu erkennen und sich zu befreien. Seltsamer Weise gelingt es in diesem beeindruckenden Märchen den "Grauen Herren", die Zeit, die die Bürger verloren hatten, in Zigarren zu rauchen. Sie konnten also aus dem großen Schaden, den sie anrichteten, einen seltsamen "Nutzen" ziehen. Das wirklich schöne an diesem Märchen ist aber die Befreiung der Menschen durch ihr Ankommen im "Hier und Jetzt" und durch die wiedergefundene Liebe.
Es wurde mir erst kürzlich klar, das Michael Ende mit der "verlorenen Zeit" vermutlich auch die Werte meinte, die uns die Werbung vermittelt, die uns die "Gut-Böse"-Filme vermitteln, das Karriere-, Anerkennungs- und Machtstreben ohne Blick für die Beziehungen zu den Menschen und zur ausgeführten Tätigkeit. Auch die Art, wie die Vermittlung dieser Wertebilder so oft an industrielle oder mediale Machtstrukturen gekoppelt ist, deren Inhaber keinen Namen mehr zu haben scheinen, hat eine Gemeinsamkeit mit der Unergründlichkeit der Herkunft dieser "Grauen Männer" aus dem Buch "Momo". Aber auch der Weg zur Befreiung aus der Verwirrung durch diese aushöhlenden Wertebilder ist einzigartig und ich wünschte, ich könnte wie Momo Menschen zur Lebendigkeit führen oder wenigstens selber zu Lebendigkeit finden.

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Veröffentlichung am: 17.08.2005
Letzte Änderung: 22.08.2010
Ulrich Sommer