"Das Gute"

Ethik als gemeinschaftlicher Vertrag

"Gut" oder "Schlecht" sind Bewertungen durch ein oder mehrere Wesen, wenigstens einen Geist. Ein Geist-Gott, sollte er in dieser Form existieren, könnte definieren, was gut und was schlecht ist. Er könnte auch definieren, was Menschen tun "sollen" und was nicht. Auch Menschen können definieren, was aus ihrer Sicht gut oder schlecht ist, individuell oder gemeinschaftlich. Ohne ein Wesen, eine Seele oder ein Geist jedoch machen die Kategorien "Gut", "Schlecht", "Böse" und der Begriff "Sollen" keinen nachvollziehbaren Sinn. Oft ist zudem festzulegen, für wen oder was etwas gut oder schlecht ist, Dinge können für etwas oder jemanden gut und für etwas anderes oder jemand anderen schlecht sein.
Gleichwohl heute die Relativität dieser ethischen Kategorien in der modernen Philosophie bewusst wahrgenommen wurde, wird im allgemeinen Sprachgebrauch auch in eher atheistisch orientierten Kreisen ein allgemeingültiges Wertesystem postuliert, ohne zu erkennen, dass dieses ohne ein oder mehrere Wesen zu bemühen, ein zahnloser Tiger, ein leeres Postulat ist.
Eine mögliche Antwort auf dieses Dilemma kann die Besinnung auf einen Glauben sein, auf ethische Leitlinien, die als "gottgegeben" betrachtet werden. Ein kritischer Punkt hierbei ist die Evidenz der durch Menschenhand niedergeschriebenen Texte. Die Frage ist nicht, dass diese Evidenz für einen gläubigen Menschen nicht gegeben sein könnte. Ein Problem liegt in der Relevanz derartiger Regeln für einen anders- oder ungläubigen Menschen, der sich diesen Regeln nicht fügen wollte. Ein weiterer kritischer Punkt ist die zu befürchtende Vermischung menschlicher Interessen an solche Leitlinien mit dem unterstellten Willen eines Gottes, sowohl bei der Festlegung dieser Leitlinien, als auch bei der Bewachung der Einhaltung.

Eine andere mögliche Antwort jedoch ist die Übernahme von Verantwortung für ethische Richtlinien und Gesetze durch Menschen, seien es Sozietäten oder seien es Einzelpersonen. Zu diesem Thema ist auf der www.eigenverantwortlich.de die Seite "Gesetze" gewidmet. Dass Menschen die Verantwortung für ethische Richtlinien oder Gesetze übernehmen, muss nicht heißen, dass dies nicht in Übereinstimmung mit einem Glauben, mit unterstellten Regeln eines Gottes geschehen muss. Aber es heißt, dass diese Menschen aktiv und eigenverantwortlich für die Einhaltung dieser Regeln und Gesetze, gegebenenfalls auch durch andere Menschen eintreten. Und es heißt ferner, dass sich Menschen, die sich derartige Regeln und Gesetze schaffen, auch die Verantwortung für diese übernehmen und diese gegebenenfalls auch gegenüber ungläubigen oder andersgläubigen erklären und vertreten können, eventuell auch aus einem durchaus logischen oder physischen Sinn heraus, der nicht alleine bei einem unterstellten Gott liegt.
Im Prinzip ist es genau dies, was in einem modernen Rechtsstaat wie beispielsweise Deutschland geschieht (Die Diskussion darüber, inwieweit die Rechtsstaatlichkeit heute weltweit gefährdet ist, soll hier übergangen werden). Das besondere, das hier angeregt sein soll, ist, dass auch eine religiöse Haltung ihre Ethik nicht primär an einem unterstellten Gott fest macht, sondern dass die Menschen ihre Ethik im Einklang mit ihrer Religiosität entwickeln, die Verantwortung hierfür aber selber übernehmen und die Regeln und Gesetze auch ohne Begründung über einen Gott zu erklären bereit sind.

Orientierungshilfen zur Festlegung "des Guten"

"Gottes Wort" als ethische Orientierung wurde bereits erwähnt. Diese Quelle ist mit Evidenz nicht zu bemühen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Menschen Zugang zu solchen Einsichten haben, wie dies beispielsweise geschah oder geschehen sein soll, als Moses die 10 Gebote empfangen hat. Aber dem gewöhnlichen Menschen ist ein solcher Kontakt zu Gott selten vergönnt und es sind ihm in der Regel nicht die Fähigkeiten vergönnt, zu unterscheiden, ob der Übermittler göttlicher Botschaften in einem echten Kontakt zu Gott stand, ob er nur vermeinte, diesen Kontakt gehabt zu haben oder ob er dies nur vorgab. Menschen bleiben auf ihre eigene Verantwortung zurückgeworfen, wenn sie solche Inhalte für sich übernehmen.
Dies bedeutet aber nicht, dass es keinen Sinn machen sollte, ethische Grundprinzipien auch in Verbindung mit Gott zu betrachten. Im Gegensatz zum herkömmlichen Utilitarimsus (einem ethischen Ansatz, der sich ausschließlich an dem Nutzen für die Gemeinschaft orientiert) werden die zu entwickelnden Prinzipien auf ihre Bedeutung für die Menschheit in einem ganzheitlichen Zusammenhang hinterfragt. Nutzen für die Menschen wird nicht alleine in Kategorien wie Reichtum, Gesundheit oder statistisch erhobenen Glücksempfindens oder Lebenszufriedenheit ermittelt. Er wird bei der religiösen Betrachtung auch als Seelenwesen betrachtet, welches Werte und Bedürfnisse kennt, die sich nicht zwingend messen lassen müssen. Dass geäußerte Lebenszufriedenheit nicht zwingend mit Seelenheil übereinstimmen muss, wurde bereits auf der Seite Fatamorgana behandelt.
Die Entwicklung einer Ethik in Verbindung mit einem ganzheitlichen, "universellen" Bewusstsein kann so zwar keine evidenten Wahrheiten schaffen, sie kann aber den "Nutzen" für die Menschen aus einem erweiterten Verständnis für den Menschen und die Gesellschaft von Menschen und einem Respekt für deren seelische Bedürfnisse entwickeln und ihnen somit besser gerecht zu werden, als wenn sie lediglich auf körperliche Bedürfnisse und statistisch relevantes psychisches Empfinden reduziert werden.

Disziplin und Selbstbeherrschung als vermeintlich notwendige Qualitäten auf dem Weg zum "guten Menschen" werden von vielen als Weg der Menschwerdung betrachtet, der "Kampf gegen den inneren Schweinehund" als erforderlich, um das ursprünglich "rohe", "animalische" und "zerstörerische im Menschen" zu besiegen.
auf den Seiten Sehnsucht und Fatamorgana wurde hierzu bereits vieles gesagt. Es entspricht der Erfahrung des Autors, dass Menschen sich nicht kasteien müssen, um zu einer gesellschaftsfähigen und gesunden Lebensweise zu finden.
Wer jedoch einen vermeintlichen "inneren Schweinehund" bekämpft, der wird wesentliche Bereiche der Psyche oder Seele ins dunkle verbannen und in einem fortwährenden Kampf gegen sich selber zu verhaftet zu bleiben.
Freuds Modell eines "Über-Ichs" beschreibt die Psyche eines Menschen, der keine Gewissheit darüber hat, welche Werte und Verhaltensweisen ihm selber wichtig sind und welche Werte die Gesellschaft von ihm erwartet. Das "Über-Ich" bedeutet eine verinnerlichte Instanz, die Vorgaben macht, die nicht zwingend als eigene Werte oder innere Bedürfnisse erlebt werden.
Es gibt freilich Menschen, die sich durch vielfältige Erfahrungen zerstörerische Lebens- und Verhaltensmuster antrainiert haben. Es mag Menschen geben, die von Geburt an wenig Mitgefühl für Mitmenschen besitzen und die Freude an Übervorteilung oder sogar an der Demütigung und Schädigung anderer Menschen oder Lebewesen.
Sofern diese Menschen bewusst zu diesen Handlungsweisen stehen oder diese durch ihr eigenes ethisches Gedankengerüst zu rechtfertigen wissen, kann naheliegenderweise Disziplin keine Änderung zu Gunsten ihrer Umwelt bewirken. Aus sich selbst heraus können solche Menschen nur durch Änderung ihrer Werte und Ziele eine Änderung einleiten. Eine solche innere Neuausrichtung hin zu Respekt und Verantwortungsbewusstsein für andere Menschen und Wesen würde bereits den wichtigsten Schritt darstellen. Wer sich dieser Zielsetzung verschrieben hat, wird automatisch Fortschritte auf dem Weg machen.

Das Interesse an einer Veränderung liegt jedoch zunächst einmal primär bei den potentiell Geschädigten eines gemeinschädlichen oder den Nutznießern eines gemeinnützlichen Verhaltens bzw. bei der Gesellschaft als der Gemeinschaft ihrer Mitglieder. Pure Erwartungen werden keine Veränderung hervorrufen. "Wer Erwartungen hat, sollte die Zeit zum Warten mitbringen" - viel Zeit, wie bereits der Begriff andeutet, denn er beinhaltet keine Handlungsoption für den Erwartenden. Daher ist die Gesellschaft, will sie derartiges Verhalten nicht dulden, gefordert, sich und einzelne Mitglieder vor deren Übergriffen zu schützen und für rücksichtslose Menschen Erfahrungen zu schaffen, die es als nicht lohnend erweisen, andere Menschen in unangemessener Art zu übervorteilen oder zu schädigen. Hierbei ist es unwesentlich, ob diese Menschen diese Vorlieben und Verhaltensweisen von Geburt aus mitbringen, oder ob sie dieses bewusst bevorzugen. Es geht auch nicht um die Bewertung dieser Menschen. Eine Sozietät kann schlicht gemeinschaftlich entscheiden, dass sie sich einem Verhalten entgegen stellt, welches einzelne Mitglieder schädigt und benachteiligt und dass sie jedem Mitglied einen gewissen Schutz zukommen lassen will. Dies ist in modernen Rechtsstaaten wie bereits erwähnt im Prinzip die Praxis, auch wenn diese Ordnung vielfach unvollkommen und brüchig ist. Allerdings ist die Verantwortung zum Schutz der Gesetze in einem modernen Rechtsstaat auf dafür eingesetzte Instanzen verlagert, womit der Bürger von der Verantwortung dieses Schutzes ausgenommen und somit nicht zuständig ist. Das hat den Vorteil, dass diese Instanzen (Justiz und Polizei) für den Schutz der Normen besonders qualifiziert sind und somit gegenüber dem ungeschulten Bürger Fehler vermeiden können. Es hat aber den Nachteil, dass bei einem strukturellen Versagen von Justiz und Polizei eine regulierende Instanz fehlt, wenn die Bürger passiv sind und keinen Handlungsansatz erkennen.
Die Erfahrung, mit den gesellschaftlichen Interessen in einen Konflikt zu geraten, und ein potentieller Lernprozess der Anpassung an grundlegende Verhaltensregeln zum Wohl aller hat nebenbei nichts mit der Bekämpfung des inneren Schweinehundes zutun. Sie kann auch bevorzugt vollkommen getrennt von einem internalisierten "Über-Ich" erlebt werden, sofern die Grenzen rücksichtslosen Handelns nicht als gottgegebene allgemeingültige Verhaltensregeln für "Gute Menschen" anerzogen werden, sondern sofern diese bewusst als Regeln für ein gutes Auskommen der Mitglieder einer Gesellschaft untereinander gepflegt und behütet werden. Das Individuum kann dann die Anpassung an diese Regeln bewusst als Beitrag zum Zusammenleben betrachten, welcher wiederum mit einem entsprechenden Respekt durch die Gemeinschaft beantwortet oder "belohnt" wird.
Die Ausrichtung am gemeinnützlichen Handeln, am Interesse der Gemeinschaft ist kein rein religiöses Thema. Gleichwohl erhält sie im Rahmen dieser Webseite www.minimalreligion.de einen gewissen Rahmen, da sie in den meisten Religionen ebenfalls Teil eienes gesamtreligiösen Verständnisses darstellt. Hier und auf der Seite "Prinzipien und Regeln" werden vorgeschlagene Verhaltensweisen für ein gutes gemeinschaftliches Auskommen daher parallel zu dem religiösen Verständnis seelischen Wohlergehens behandelt, um darzulegen, wie soziales Handeln aus gemeinschaftlichem Interesse parallel zu religiösem Verständnis behandelt werden kann, ohne diese beiden Disziplinen zu vermischen. Eine Gemeinschaft steht für ihre Interessen ein und steht weltlich zu diesen Interessen und dem Anspruch an ihre Mitglieder zu einem gemeinnützlichen Verhalten. Dieser Anspruch wird eben nicht über einen Willen Gottes begründet, sondern über den Willen und das Interesse der Gemeinschaft. Gleichwohl bettet die Gemeinschaft ihre ethischen Grundsätze in ein religiöses Verständnis ein, welches am Wohl der Seele und ihrer Verbindung zum Universum ausgerichtet ist.

Jeder Mensch hat vielfältige Sinne und eine unbewusste Intelligenz und Weisheit, die enorme Fähigkeiten zur Lösung von Aufgaben und Problemen darstellen. Diese innere Stimme kann grundsätzlich ein Wegweiser sein, der der rein kognitiven Vernunft überlegen sein kann. Diese Summe der inneren Orientierungs-Fähigkeiten sollte aber nicht verwechselt werden mit dem ersten oder stärksten Impuls oder Drang, der in verschiedenen Situationen oder Entscheidungs-Aufgaben zutage tritt. Hierzu wurde auf Sehnsucht und Fatamorgana bereits viel gesagt. Um intuitiv nachhaltig hilfreiche Lösungen und Wege zu finden sind Ruhe, Gelassenheit, Erfahrung und ein guter Zugang zu den ursprünglichen Bedürfnissen und zur Seele erforderlich. Dass Meditation eine Hilfe sein kann, Zugang zur "inneren Stimme" und zu den stillen Wahrnehmungen für die Realität zu finden, wurde bereits gesagt.
Einige Religionen gehen davon aus, dass jeder Mensch eine innere Bestimmung, eine zu lösende Lebensaufgabe, eine Berufung hat. Die meditative Suche nach der individuellen Aufgabe und Bestimmung sind mit Sicherheit vorteilhaft für die innere Ausgeglichenheit, für die Bündelung der eigenen Kräfte und für ein zufriedenes Leben.
Gleichzeitig kann ein Mensch durch bewusste Priorisierung von bevorzugten Werten bzw. durch bewusste Annahme eines ethischen Wertsystems eine innere Ausrichtung schaffen, der dieser bei entsprechender Verinnerlichung auch zunehmend intuitiv folgen wird.
Grundsätzlich sind Konflikte zwischen der inneren Bestimmung und einem bewusst gewählten Wertesystem möglich. Diese zu erkennen und an deren Auflösung oder zumindest friedlichen Koexistenz zu arbeiten ist ebenfalls eine lohnende Zielsetzung zur Erreichung eines kraftvollen und befriedigenden Lebens.
Die Berücksichtigung der eigenen Bestimmung, der wache Kontakt zur inneren Führung und zu den ursprünglichen Lebenszielen ist in jedem Fall ein wichtiger Bestandteil für ein zufriedenes und glückliches Leben. Ein denkbares Bild für die Bedeutung der inneren Stimme, die hier auch so definiert ist, dass es die Sprache des Kerns der Persönlichkeit, der Seele sei, ist die Verbindung der Seele eines Menschen zur Seele des Universums, in der Sprache gläubiger Menschen "zu Gott". In diesem Sinne besteht die Hoffnung, dass eine Ethik, die auf dem Respekt vor der Schöpfung, vor allen Lebewesen und insbesondere Menschen beruht, auch zu keinen Konflikten mit der Bestimmung eines Menschen führen sollte.

Wie bereits eingangs erwähnt, versteht sich der auf diesen Seiten entwickelte ethische Ansatz als utilitaristische Ethik, genauer gesagt als Gesamtheitlicher Utilitarismus Verschiedene andere utilitaristische ethische Ansätze definieren den Nutzen einer Gesellschaft so eng, dass zum Nutzen der Gesellschaft im Extremfall beispielsweise sogar Menschenopfer möglich sein sollen. So gesehen ist die Abgrenzung zu bisherigen utilitaristischen Konzepten sehr bedeutsam, als diese in manchen Fällen faschistoide Züge aufweisen können. Davon distanziert sich diese Seite vehement. Der Respekt vor jedem Individuum wird als hoher Wert erachtet und die Missachtung der Würde jedes Lebewesens, insbesondere von Menschen wird als Schaden für die gesamte Gesellschaft erachtet.
Andererseits soll die auf minimalreligion.de vorgeschlagene Ethik weder als Wort Gottes betrachtet werden, noch als Naturgesetz, sondern als menschgemachtes Regelwerk zum Nutzen der Menschen. Daher ist der Begriff Utilitarimsus schlichtweg zutreffend und zur Abgrenzung von bisherigen utilitaristischen ethischen Ansätzen wird der Begriff "gesamtheitlich" hinzugefügt.
Das Ziel und der Zweck der hier vorgeschlagenen ethischen Prinzipien besteht darin, dem Nutzen der Menschen, die hier als beseelte Wesen betrachtet werden, zu dienen. Reichtum, Gesundheit, Erfolg und Zufriedenheit sind bedeutsame Werte in diesem Sinne. Ohne das Heil und die Berücksichtigung des Kerns der Persönlichkeit der Menschen, derer Seelen wird aber dieser Nutzen nicht als gesamtheitlich erachtet. Die Bestimmung und das seelische Heil der Menschen ist in diesem Sinne essentieller Bestandteil eines gesamtheitlichen Nutzens.

Viele der hier vorgeschlagenen oder übernommenen Werte sind an sich nicht neu. Maßgeblich beeinflusst vom Christentum und von anderen Religionen hat die Weltgemeinschaft viele Allgemein anerkannte ethische Prinzipien herausgearbeitet, die im oben erläuterten Sinne einem gesamtheitlichen Nutzen für den Menschen darstellen dürften.
Neu ist an dieser Stelle der Ansatz der Verankerung dieser ethischen Werte, die gleichzeitig die Menschen als Urheber und Verantwortliche für diese Regeln, Werte und Grundsätze in den Vordergrund stellt und die gleichzeitig als Teil einer religiösen Grundhaltung erachtet wird.

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Veröffentlichung am: 24.06.2014
Letzte Änderung: 24.06.2014
Ulrich Sommer