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Lebendigkeit und Tod
Das Leben ist ein unglaubliches Wunder, das sich gegen das Nichts auflehnt, wie ein Vogel gegen die Schwerkraft. Der Vogel muss irgendwann landen und so muss das Leben auch irgendwann enden, vielleicht um in anderer Form an anderer Stelle wieder zu beginnen (was Reinkarnation ebenso wie "ewiges Leben" oder etwas ganz anderes bedeuten könnte). Das Leben ist komplex. Zerstört ist immer leichter als aufgebaut. Zementiert ist oft naheliegender, als konstruktiv erneuert. Vor Allem, wenn das bestehende komplex und gut ist. Leben und Selbstorganisation kann selten einfach gemacht werden, denn die Komplexität des Aufbaus können außerhalb der Technik nur übermenschliche Kräfte bewältigen. Die Natur beispielsweise. Oder "Gott", der die Welt erschaffen hat. Oder wir selber, indem wir uns dem Leben anvertrauen. Ist der Mensch nicht wie alles Leben und die Natur etwas "übernatürliches"? Auf diese Weise ist Leben in gewisser Hinsicht auch sehr einfach. Wir brauchen es nur geschehen zu lassen oder brauchen es lediglich nicht zu bekämpfen.
Und doch erfordert es viel Einsatz, das Leben und Gesundheit zu bewahren oder zu erreichen. So, wie unser Körper ein komplexes hochwirksames Abwehrsystem bereitstellt, das in der Lage ist, neue Bedrohungen selbständig zu erkennen und darauf zu antworten, so müssen wir auch in unserem Handeln ständig die Augen offen halten nach lauernden Gefahren. Diese Wachheit erfordert erwachsene und selbständig handelnde Menschen. Erwachsen und selbständig heißt, nicht mit dem zufrieden zu sein, mit dem, was Eltern, Lehrer und der Politiker uns erzählen, sondern eigenverantwortlich überprüfen, was in unserem Interesse ist und wohinter sich fremde Interessen verbergen, was aus einer Ehrfurcht vor der Wahrheit geschieht und was aus dem Machtwillen einzelner. Eigenverantwortlich entscheiden, was gut und was nicht gut ist, was unserer Gesundheit nutzt und was uns krank macht, was uns glücklich macht und was uns einengt und versklavt.
Wo finden wir Entscheidungshilfen für "gute Entscheidungen"?
Der "innere Schweinehund" als Wegweiser
Vielfach betrachten wir unsere natürlichen Intentionen als Hindernis zum "Guten". Wir sprechen dann vom "inneren Schweinehund", den es zu besiegen gälte. In den allermeisten Fällen begegnen wir unserem "inneren Schweinehund", wenn wir unsere Vorhaben als Zielsetzung nicht ausreichend integriert haben und andererseits die Hintergründe unserer in diesem Falle hinderlichen Sehnsüchte verstanden haben. Wer zum Beispiel in einer analytisch oder gestalt-orientierten Psychotherapie gelernt hat, seine eigenen Impulse als Hinweis auf das tiefere Wissen in sich zu nutzen, wird bei Begegnungen mit dem "inneren Schweinehund" in erster Linie diesen nach seinen Wünschen befragen. Im Allgemeinen gibt es keine menschliche Neigung hin zu extremer Faulheit oder Bosheit oder Egoismus. Gesunde Menschen sehnen sich nach Bewegung, Beziehung, Gerechtigkeit und Austausch. An der Stelle des Kampfes mit dem "inneren Schweinehund" weckt eine sorgfältige Beobachtung und Meditation eher neue Quellen der Kraft. Vertrauen Sie sich selber! Wie Sie einem guten Freund selten boshaftes Verhalten unterstellen würden, so sind auch Sie vermutlich bereits ohne äußerste Disziplin aus innen heraus gut - das heißt lebensfreudig, sehnsüchtig nach Gerechtigkeit und danach, Liebe zu geben.
Dieses Vertrauen in die eigene Natur soll nicht verwechselt werden mit dem hemmungslosen Ausleben des erstbesten Impulses oder der gerade wahrgenommenen Sehnsucht, die sich auf allzu nahe liegendes richtet. Vielmehr soll es anleiten zu einer großen Offenheit gegenüber den Impulsen, die aus innen heraus kommen. eine sorgfältige Beobachtung und Reflektion kann über längere Zeit zur Eröffnung neuer Perspektiven führen und zur Freisetzung großer Kräfte führen.
Es liegt nahe, dass die Bekämpfung des "inneren Schweinehundes" das Leben anstrengender macht, verlieren wir dabei unser Vertrauen in unsere eigenen Impulse. Wir lernen bei dem Versuch, Impulse von Außen (vermittelt durch Erziehung, Gesellschaft, Freunde, etc.) zu unseren Leitlinien zu machen unseren "inneren Schweinehund" tatsächlich als bedrohlich kennen, weil er bei Handlungen, mit denen wir nicht im inneren Einklang sind, auf die Bremse tritt und uns andererseits zu Handlungen verleitet, die wir ohne unsere Bedürfnisse zu kennen, prinzipiell aus Vernunftgründen meiden. Nur haben wir, wenn der "innere Schweinehund" dann eingreift, ebenfalls keine Ausgewogenheit mehr zu erwarten. Wer beispielsweise seine Sexualität generell bedrohlich empfindet und daher abspaltet, kann unangenehmes erleben, wenn die Sehnsucht ihn in die Arme des erstbesten oder offensivsten Partner eines Abenteuers treibt. Somit wäre die Gefährlichkeit des "inneren Schweinehundes" wieder bestätigt.
Wie können wir die eigenen Signale und Regungen als gute Quelle nutzen?
Ganz einfach, indem wir sie anhören und reflektieren. Bei genauer Beobachtung erkennen wir nicht einen "inneren Schweinehund", sondern viele unterschiedliche innere Regungen. Zum "Schweinehund" können sie beispielsweise dann werden, wenn sie unterdrückt werden. Ebenfalls gefährlich ist es, wenn einzelne Impulse oder Sehnsüchte überproportional viel Gewicht erhalten und ohne das "Befragen" anderer innerer Stimmen, unreflektiert und unverzüglich das Handeln bestimmen. Das Anhören ist also nur ein erster Schritt. Aus der intensiven Betrachtung aller inneren Impulse ebenso, wie der Berücksichtigung unserer Gedanken und unserer Erfahrungen können wir dann unsere Handlungen ableiten.
Gott als Entscheidungshilfe?
Na klar, sagen da viele routinierte Christen. So ein Quatsch, sagen dagegen viele Atheisten, Kommunisten oder Hedonisten.
Egal, wie Sie denken - Ein Problem stellt sich bei dieser Entscheidungshilfe allen Personen, die die Telefonnummer Gottes nicht in ihrem persönlichen Telefonbuch notiert haben: Wie teilt sich Gott mir mit? Manche Charismatiker versuchen es mit Zungenreden und vermeinen in dem Zustand einer Trance Gottes Worte in ihrem Mund wiederzufinden. Derartige Methoden verführen allerdings viele Menschen dazu, Gott "vor ihren Karren zu spannen" und das Gegenteil der meditativen Offenheit zu finden, die Wege öffnen kann. Die Katholiken haben dafür ihren Papst, der mit seiner Unfehlbarkeit "echte Wahrheiten" zu einzelnen Fragen verkünden kann. Das halte ich für nicht minder gefährlich, hat sich die katholische Kirchenführung in der Vergangenheit nicht selten als überhaupt nicht "christlich" gezeigt. Christen haben da natürlich noch eine andere Quelle, die Bibel. Andere Religionen haben ebenfalls ihre Schriften. Aber was lässt uns glauben? Die tatsache, dass uns uns die Gesellschaft, in der wir zufällig gerade leben, diese Weisheiten mitgibt? Die Tatsache, dass uns dieses Buch mitteilt, es enthalte die Wahrheit und sei die wahrhaftige Äußerung Gottes, reicht alleine wohl nicht, um zu Vertrauen, dass wir es mit Gottes Stimme zu tun haben. Es bleibt in unserer Verantwortung, zu unterscheiden und zu entscheiden, was wir für gut halten.
Dennoch kann Glaube eine wertvolle Hilfe zu unserer Orientierung und für unser Verständnis für uns selbst und die Welt sein. Auch ohne zu wissen, wer Gott wirklich ist und was Gott von uns wirklich will, können wir ihn als höhere Instanz anrufen. Wenn ich Gott nicht durch Schriften oder Konventionen definiert haben will, entsteht natürlich eine gewisse auch gefährliche Leere, die leicht durch andere Definitionen gefüllt wird. Ich denke, die Bezeichnungen "Schöpfer des Universums", "Gott Vater oder Mutter" können helfen, Gott als Ursprung alles Lebens einschließlich uns selbst anzunehmen. Auch müssen wir unsere Quellen der Religiosität nicht gleich über Bord werfen, sind darinnen ja Jahrtausende religiöser Erfahrung gesammelt. Aber der unmittelbare Zugang zu Gott über uns selber und unser Erleben der Welt wird vielleicht intensiver und zwangloser, wenn wir diese Schriften lediglich als Hilfe betrachten zu einer Verbindung, die bereits ohne diese Bücher bereits vorgesehen ist. Der Gott, den ich mir vorstelle, sagt zu manch verzweifelt betenden, der zum perfekten Gläubigen werden will: "Sei nur ruhig; merkst Du nicht, dass ich schon die ganze Zeit bei Dir bin?"
Indem wir zu Gott sprechen und ihn um Rat fragen, stellen wir unserer Intuition und inneren Weisheit eine Größe an die Seite, die uns als Menschen eine Zielrichtung gibt, die uns vielleicht in größerem Maße gerecht wird, als Sigmund Freud mit seinen Trieben alleine. Ich will nicht verheimlichen, dass auch ich mich mit diesen Gott noch nicht auf deutsch unterhalten habe. Ich habe ich irgendwann entschlossen, das für bejahenswert zu befinden, was ich für "gut" halte, für lebensbejahend, gesund (auch für die Seele) und liebend. Im Zwiegespräch mit "Gott" (beispielsweise durch Gebet) bekommen unsere Ziele eine Struktur und eine Ausrichtung.
Die Liebe soll sich auf die gesamte Welt beziehen und somit auch auf die "Geister", die diese Werte nicht verkörpern. Das ist ein schwieriger Anspruch und er ist bei mir aus der Vernunft geboren: Ich werde keine "Geister" los, indem ich sie bekämpfe, sondern nur in dem ich sie verstehe und ernst nehme, wie auch bei mir selber den "inneren Schweinehund". Ich will diesen Geistern Lösungen anbieten, die diesen Geistern und den Menschen, die ihnen dienen "gut" tun, wie die stärkende Speise. Mit "Geistern" meine ich keine Götter, sondern geistige Kräfte, die von Personen ausgehen.
Meditation als "Methode" zum Verstehen der eigenen Impulse und als Orientierung hin zum Leben
Die Meditation ist eine Methode, den inneren Stimmen Gehör zu verschaffen. Der "Trick" besteht darin, den anderen Lärm der externen Impulse einzugrenzen, indem wir eine vielleicht auch nur kurze Zeit versuchen, die alltäglichen Gedanken zurückzudrängen und die Aufmerksamkeit auf uns selber zu lenken. Eine Form der Meditation habe ich unter "Seele#meditation" beschrieben.
Das Gebet ist eine Methode, im Zwiegespräch mit Gott unserer Person eine Orientierung zu geben. Sprechen wir im Gebet an diesen Gott keine konkreten Vorstellungen, sondern rufen wir ihn als lebensbejahenden Gott an, uns zu leiten und unsere Seele zu beschützen, so entsteht aus dieser Beziehung keine Fremdbestimmung oder Angstbeziehung. Schließlich wollen wir ja nur gesund leben (auch unsere Seele). Was gut ist, ist gut.
Gibt es das "offensive Gute"?
Das bisherige besprochene "Gute", sprich lebensbejahende, gesund machende, stärkende, präsenz ermöglichende, entstand in erster Linie aus sich selbst heraus, sei es das "Geschehen lassen" in der Natur, sei es das "In Sich Gehen" z.B. in der Meditation oder sei es die wegweisende Beziehung zu einem "Gott". Aber gibt es ein "forciertes Gutes", eine Steigerung des "Guten" oder ein "Gutes", welches aktiv durch Menschen der Welt hinzugefügt werden könnte.
Ist es Menschen wie Ihnen und mir aber auch möglich, so mächtig gut zu werden, wie wir es bei diesen bekannten Personen vermuten? Ich habe keine klare Antwort auf diese Frage. Zum einen ist Macht, die über unsere Selbstbestimmung hinausgeht und in die Freiheit anderer Menschen eingreift naheliegender Weise nur schwer etwas Gutes. Statt "mächtig gut" müssten wir vielleicht erstreben, "einflussreich gut" zu werden. Einfluss kann bedeuten, dass Impulse von anderen Menschen freiwillig und dankbar freudig aufgegriffen werden. So war es beispielsweise bei Christus der Fall. Leider gibt es allerdings genügend Beispiele für gescheiterte "möchtegern gute Einflussreiche" als schlechte Prediger im harmloseren Fall und Scharlatane im unguten Fall. Wie bereits eingangs gesagt, ist das Gute nicht so leicht aus Menschenhand zu kreieren, da es sehr komplex ist.
Zerstörung lässt sich offensichtlich gut organisieren, nehmen wir nur Kriege als Beispiel. Auch sind Lügen und Irrtümer leichter zu verbreiten, als der wache Blick für Wahrheit.
Die Frage nach dem offensiven "Guten" stelle ich an dieser Stelle, weil in den meisten Menschen, die Zerstörung beobachten, der Wunsch nach einer mächtigen Gegenkraft entsteht. Offensichtlich ist es im Widerspruch zur Kernaussage vieler Hollywood-Action-Filme eben nicht möglich, Lebendigkeit und Gesundheit durch Bomben und Maschinengewehre zu verbreiten.
Kurioser Weise lässt sich aber von Machtmenschen und Strategen ein Detail lernen, das gerade für Menschen, die gesunde Spuren hinterlassen wollen, hilfreich ist:
Die Betrüger dieser Welt gehen bei ihren Machenschaften oft relativ strategisch und machtvoll vor. Das fällt ihnen relativ leicht, weil sie nicht auf Gerechtigkeit vertrauen oder warten, sondern, weil sie sehr selbständig handeln. Menschen, die Gutes vorhaben oder Dinge, die sie für gut halten, fällt diese Art der Selbständigkeit oft deutlich schwerer, weil sie irgendwie erwarten, dass andere mitmachen müssten, dass die Gerechtigkeit auf ihrer Seite ist und dass ihr Ansinnen doch eigentlich belohnt oder zumindest unterstützt gehört. Der "Missetäter" hingegen unterstellt von Vornherein, einsam zu sein und versucht, sein Vorhaben umfassend und strategisch zu planen. Bei allen Hilfestellungen von Außen wäre er ausgesprochen misstrauisch und im Kontakt zu Verhandlungspartnern unterstellt er von Vornherein Unverständnis und geht psychologisch einfühlsam auf sie zu. Vor allem setzt er seine Mittel in erster Linie nach wirtschaftlichen Kriterien ein, weil vermutlich der wirtschaftliche Gewinn ein vorrangiges Ziel ist. Dass seine Überzeugungskraft ebenso, wie seine Willenskraft geringer sein könnten, weil auch er lieber gutes täte, als schlechtes, kommt zwar erschwerend dazu, aber die strategische Selbständigkeit stellt eine gewaltige Kraft dar.
Menschen, die in Friedensgruppen arbeiten, sich für soziale Gerechtigkeit einsetzten, im Umweltschutz tätig sind, senken schnell das Haupt, wenn sie sich einsam fühlen, wenn die Unterstützung ausbleibt, wenn die anderen nicht mitmachen und legen die Hände in den Schoß. Das ist auch relativ verständlich, wenn man bedenkt, dass der Bankräuber, wenn er mal Erfolg hat, sich das Leben versüßen kann und unerkannt oder vielleicht sogar erkannt großes soziales Ansehen einstreicht, solange er nicht belangt wird und den "großen Maxen" spielen kann. Der Gewinn der Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen oder für Nächstenliebe, fällt nicht so augenscheinlich oder oberflächlich auf diese zurück. Teilweise müssen sie sich gegenüber Angehörigen noch dafür rechtfertigen, dass sie ihre Zeit und ihr Engagement ohne Lohn einbringen. An dieser Stelle sollten sich Menschen, die an einer besseren Welt mitarbeiten, über ihre Ziele und über ihren Einsatz einige Gedanken machen. Es ist nicht leicht, mit der Zielstrebigkeit und Selbständigkeit des Bankräubers und unter den gleichen Bedingungen der Einsamkeit viel Energie für Ziele zu investieren, die einem im Zweifel keiner lohnt, weder mit Geld noch mit Liebe. Dafür ist eine große innere Sicherheit erforderlich, die fast nur aus einer religiösen Haltung erwachsen kann oder zumindest aus einer sehr gefestigten inneren Haltung zum Leben. Im anderen Falle erwächst leicht ein Mitläufertum, ein "Gutmenschentum", das die "Weltverbesserer" zu leichten Werkzeugen der Polit- und Machtstrategen macht. Ich selber kenne jedoch kaum ein anderes wirklich interessantes Lebensziel, als den Einsatz für eine lebenswerte Welt. Ich glaube auch zu spüren, dass unsere tiefste Sehnsucht auf diesem Wege zu der größten Erfüllung gelangen kann, unsere Seele so den süßesten Frieden finden kann.
Wie sieht ein Engagement aus, das sich der Vereinnahmung oder Fehlleitung von außen entzieht? Wie sieht ein Engagement aus, das eine echte Wirkung zeigen kann? An erster Stelle stehen wirklich gute Ideen. Und das ist gar nicht so leicht, denn das Gute ist, wie gesagt komplex und viele Vorschläge, die groß in Presse und Fernsehen angepriesen werden, entpuppen sich als undurchführbar, haben andere schwerwiegende Nachteile oder die Zuständigkeiten sind schlichtweg ungeklärt. Als Ingenieur habe ich z.B. genügend technische Ideen kennen gelernt, von denen alle glaubten, sie können die Welt verbessern. Mit meinem Wissen als Ingenieur wusste ich jedoch von verschiedenen Technologien, die mit viel Elan und Liebe verfolgt wurden, dass diese Technologien nicht nur unwirtschaftlich waren, sondern manchmal sogar ökologisch Nachteilig. Andere, oftmals viel einfachere Technologien wären wirtschaftlich und ökologisch gewesen, wurden aber nur von wenigen Engagierten verfolgt. Diese Erfahrung lässt sich ohne weiteres auf Entwicklungshilfe, Landbau und andere Bereiche übertragen. Also empfehle ich dringend, bei jedem Engagement im Vorfeld zu versuchen, die Auswirkungen im Ganzen ein wenig zu beleuchten. Die richtige Auswahl von Projekten ist einer der essentiellen Erfolgsfaktoren.
Eine bestimmte Art von Emotionalität ist ebenfalls sehr gefährlich. Damit meine ich zum einen die Arroganz. Viele Menschen, die beginnen, sich für gute Projekte einzusetzen, verlieren sehr schnell jegliches Verständnis für Personen, die im Bereich des Engagements sich anders und umweltschädlich oder rücksichtslos verhalten. Ich will an dieser Stelle einen "idealisierten" Bankräuber oder besser den Betrüger als positives Vorbild empfehlen, weil dieser keine Gedanken an die Bewertung der Personen verliert, denen er begegnet, und von denen er eventuell etwas will. Er denkt einzig und alleine darüber nach, wie er sie in seinem Sinne umstimmen kann. Dabei nimmt er sein Gegenüber vielleicht sogar ernster, als der"Gutmensch", der in seinem Tun noch nicht wirklich geerdet ist. Sie verstehen hoffentlich, was ich will und dass ich Bankräuber und Betrüger (und manche korrupte Politiker, die das Vertrauen der Wähler missbrauchen) nicht als Vorbilder betrachte. Aber versuchen Sie andere Menschen zu nehmen, wie sie sind. Wenn sie alle bereits moralisch integer wären, wäre unsere Welt eine andere. Also müssen wir sie gewinnen. Wenn wir sie in ihrem Wertesystem akzeptieren, gehen wir natürlich wesentlich respektvoller, als die Missetäter mit ihnen um, denn wir nehmen auch deren Interessen ernst und wahren deren Rechte. Aber das Gewinnen von Mitstreitern und die positive Beeinflussung der Mitbürger erfordern alle unsere Fähigkeiten zur Einfühlung auch Strategien in der Kommunikation. Emotionalität kann dann, wenn wir innerlich ruhig sind ein wohl kalkuliertes Mittel sein, um unsere Mitbürger zu gewinnen. Aber diese Emotionalität darf sich nicht auf Unverständnis ihnen gegenüber beziehen, sondern auf unsere Begeisterung für die Alternativen.
Wozu ein "offensives Gutes"?
Von Kindheit an sind wir gewohnt, auf erwachsene zu hören und uns in unserem Handeln auf das zu beschränken, was wir als Grenzen kennen gelernt haben. So, wie wir als Embryo die Beine nicht ausstrecken konnten, ohne die Mutter zu verletzen (wenn wir die Kraft dazu gehabt hätten) konnten wir als Kinder nicht alles uns mögliche tun, ohne die Möglichkeiten der Eltern zu sprengen. Von daher sind die meisten von uns Bürgern kaum in der Lage, sich vorzustellen, welche Möglichkeiten wir besitzen. Ebenso können wir uns kaum vorstellen, dass manche Menschen ohne Hemmungen nach ihren Möglichkeiten suchen, um sie in den Dienst von Anderen zu stellen oder um sich zu bereichern oder Macht zu gewinnen.
Ich bin nicht in der Lage, zu sagen, ob es das "forcierte Gute" gibt, das heißt ob ein machtvolles Eintreten für das, was Ihnen als gut erscheint, auch wirklich etwas Gutes bewirkt. Sollten Sie sich jedoch, wie ich, entscheiden, aktiv und machtvoll für Gutes einzutreten, so will ich Sie mit den vorangegangenen Worten anregen, gleichzeitig demütig und grenzenlos zu sein. Oder um es mit dem Märchen vom Fischer und seiner Frau zu sagen: Wollen Sie so mächtig werden, wie der Kaiser oder vielleicht sogar wie der reelle Papst. Aber wollen Sie nie so sein, wie Gott, sondern stellen Sie all Ihr Streben in seinen Dienst. Ohne das Wort "Gott" ausgedrückt, vergessen Sie nie, dass nicht Sie groß werden wollen sollten, sondern dass Sie etwas Gutem dienen wollen. Wollen Sie ferner niemals Menschen beherrschen, sondern Ihre Macht oder besser Ihren Einfluss aus der Qualität Ihrer Arbeit schöpfen, die andere Menschen in ihren Bann zieht.
Sprengen Sie die dann Grenzen, die aus Angst und Gewohnheit bestehen, indem Sie sich diese Grenzen bewusst machen, und diesen Grenzen gegenüber gleichzeitig respektvoll und furchtlos verhalten. Bedenken Sie, dass nur sehr wenige Menschen eigenständig und furchtlos handeln. Wenn Sie beginnen, eigenständig zu handeln, können Sie ohne weiteres zu einer sehr kleinen "Elite" von Mutigen "aufsteigen" und vielfach mehr bewegen, als bekannte Persönlichkeiten, die sich im "Erlaubten" der Netzwerke bewegen. Es gibt so viele scheinbare "Revoluzer", die in Wirklichkeit nur nachplappern oder sogar auf Geheiß Anderer handeln. Menschen, die eigenständig handeln, gründlich nachdenken und professionell planen, gibt es leider sehr wenige. Versuchen Sie, dazuzugehören! Menschen, die die Grenzen der Furcht überwinden, können sehr sehr stark werden.
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Veröffentlichung am: 17.08.2005
Letzte Änderung: 22.08.2010
Ulrich Sommer
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