Fata Morgana

Im Kapitel über die Seele wurde bereits darüber gesprochen, dass ein großer Teil unseres Strebens mittelbaren Werten gilt und dabei die zugrundeliegende tiefe Sehnsucht nach den unmittelbaren Werten in Vergessenheit gerät. Hier soll noch ein wenig auf diese versäumte Suche nach den tiefen und ursprünglichen Sehnsüchten eingegangen werden. Der Begriff "Fata Morgana" wird im Folgenden als Sinnbild für diese vergebliche Suche nach den Bedürfnnissen und Werten des Kerns der Persönlichkeit eingefüührt.
Eingangs sei die These gewagt, dass nahezu unser gesamtes Streben, welches über die Befriedigung der physisch überlebensnotwendigen Bedürfnisse hinausgeht, einer Sehnsucht danach gilt, uns als Teil des Ganzen, des Universums zu begreifen, nach Verbindung zu unserer Seele als "Kind Gottes" bzw. des Universums. Es soll und kann hier nicht näher definiert werden.

In unserem Leben in dieser Welt begegnen wir allerorts und permanent einer übergroßen Kraft, deren Entsprechung wir auch in uns kennen. Wir können diese Kraft als "göttlich" bezeichnen, oder "Kraft des Lebens" nennen. Wir erkennen sie nicht nur in der Natur, sondern auch in anderen Menschen, in deren Handlungen, in menschlichen Schöpfungen und auch in uns selber. Jawohl, auch in menschlichen Schöpfungen. Das können auch Statussymbole sein oder Konsumartikel, die uns spontan wichtig erscheinen. Vielleicht wurde in einem eleganten Sportwagen der Moment verewigt, in dem der Designer in meditativer Ruhe eine neue Form geschaffen hat. Oder die Idee vom übermenschlich schnellen Menschen lässt uns daran erinnern, dass Gott viel größer ist und dass die Menschen auch etwas göttliches in sich haben. Wir sehen in diesen Dingen Spuren oder Spiegelungen dieser göttlichen Kraft und fühlen uns spontan angesprochen.

Wir können Gott auch in anderen Menschen begegnen. Zum Beispiel in einer gegengeschlechtlichen Person, die durch Kleidung, Schminke und selbstbewusstes Verhalten an die übermenschliche Größe unserer unendlichen Sehnsucht erinnert. Nicht diese Person ist "Gott" oder verkörpert diese Kraft, sondern in uns wird die Idee von dieser unendlich großen Sehnsucht nach Vereinigung mit dem Ganzen aufgeweckt. Was uns bewegt, mag sogar ein Teil dieser Person sein, aber noch mehr ist es eine Entsprechung unserer Sehnsucht und eines Teiles in uns selbst.

In diesem Moment beginnt unsere Lebendigkeit und unser Irren gleichermaßen, denn was wir sehen sind wohlgemerkt nur Spuren zu dieser großen Kraft und zwar Spuren, die sich nicht greifen oder handhaben lassen. Diese Distanz auszuhalten, ist die Kunst des Lebens. Allzuleicht wollen wir in diesen göttlich strahlenden Dingen unser letztendliches Ziel sehen. Wir greifen danach und -
Wie der Anblick des Spiegelbildes des Himmels im Wasser in Wellen verschwimmt, sobald wir ins Wasser greifen, wie die prunkvolle Stadt oder die Oase, die wir in der Wüste als Fata Morgana gesehen haben, so rückt die Erfüllung unserer Sehnsucht nach dem beherzten Griff nach der Spiegelung in immer weitere Ferne. Unser vermeintlicher Traumpartner war ein gewöhnlicher Mensch, Der Konsumartikel wird langweilig uns muss gegen den nächsten glänzenden Gegenstand ausgetauscht werden, Die durch Statussymbole erkaufte Liebe engt ein und verblasst und wir sind wieder einsam.
Auch die aus der Enttäuschung entstandene Ablehnung des Objektes, welches unsere Sehnsucht gespiegelt hat, bringt uns unseren Zielen nicht näher, verstellt uns den Blick auf unsere Ziele, wenn wir keine Beharrlichkeit mitbringen, trotz des erkannten Irrtums die Suche nach den Zielen der Sehnsucht fortzusetzen. Wenn wir es aushalten können, dass der Griff ins Wasser nicht zum Ziel geführt hat, ohne die Freude an der Spiegelung zu verlieren, dann können wir uns Gedanken machen oder nachspüren, was es tatsächlich ist, was unsere Wahrnehmung hinter dem visuellen Eindruck erkennen kann und wo der tatsächliche Ort des "Objektes" ist, das wir gespiegelt sehen. Diese Suche muss sich freilich über die Grenzen des Systems hinwegsetzen, in dem wir vordergründig die Bilder, die Spiegelungen, vorgefunden haben sonst wird sich die Ent-Täuschung wiederholen.

Erstaunlicherweise war die ursprüngliche Wahrnehmung keineswegs verkehrt und der erste Impuls hin zu den Spuren und Spiegelungen der "göttlichen" Kraft war ein Impuls hin zum Leben. Erst die Ungeduld im Handeln ist der "Fehler" oder Irrtum;

Ein oftmals fataler Irrtum. Die so genannten "Wurzelsünden" gehen im Wesentlichen auf Irrtümer dieser Art zurück und sind nichts anderes, als eine Irrleitung durch eine Vision, die in die Wüste führt.
Hinter der Eifersucht beispielsweise steht die Sehnsucht nach Liebe und die Angst um deren Verlust. Freilich gibt es keine ungeteilte Liebe eines Menschen, der sich nur einem Partner zuwendet und keine anderen Menschen liebt (nicht unbedingt intim).
der Neid beispielsweise ist in der Regel die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, wobei sich viele Menschen die Welt nicht genügend genau betrachten und ihre eigene Vorstellung von Gerechtigkeit haben.
Und so weiter... Die Wurzelsünden, stellvertretend für unsere gewöhnlichen "Sünden", die nicht einer bösen Absicht entspringen, sondern unserer "Unzulänglichkeit" oder Ungeduld, folgen fast ausschließlich einem lebensbejahenden Impuls, der falsch verstanden sich gegen die Lebendigkeit richtet. Fast immer folgen sie dem Versuch, die Erfüllung unserer Sehnsüchte in den "Griff" zu bekommen, anstatt zu leben und die Kraft der Sehnsucht auszuhalten und lediglich als Impuls wirken zu lassen.

Das Zwiebel-Modell

Wir können unsere Persönlichkeit mit dem Modell einer Zwiebel betrachten, um zu erklären, warum wir uns in Bezug auf unsere tiefen Bedürfnisse des öfteren in die Irre leiten lassen.
Die innersten Schichten stellen unsere Seele dar. Hier leben unsere tiefsten Sehnsüchte, unser Bewusstsein dafür, "Teil des Universums zu sein", der Kern unserer Person. Dieser Kern unserer Person mag der Kern sein, der nach den Buddhisten in das nächste Leben geht oder der für die Christen in das Ewige Leben geht. Dieser Kern mag vielleicht gar nicht den Trank des Vergessens getrunken haben, wenn er aus dem letzten Leben in unser jetziges Leben getreten ist, wie die Griechen sagen. Aber dieser Kern spricht kein Deutsch oder irgendeine Sprache, die unser logisches Denken verstehen könnten. Er kann sich erst über die darüber liegenden Schichten der Zwiebel mitteilen.
Auf Schichten, die ungefähr in der Mitte zwischen dem Kern und der äußersten Haut liegen, erleben wir unsere Bedürfnisse nach Liebe, nach Freiheit, Selbstentfaltung und andere tiefe Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse können wir bereits relativ direkt auch mit dem Verstand wahrnehmen, wenn wir die Aufmerksamkeit darauf ausrichten. Die Mitteilungen dieser Schicht haben noch einen relativ hohen "Reinheitsgrat". Wir dürfen diesen Mitteilungen Bedeutung geben, ohne fehlgeleitet zu werden. Aber auf der Ebene dieser Schichten sind wir noch nicht zum Handeln und Umsetzen in der Lage. Dazu müssen wir zu den weiter außen liegenden Schichten übergehen.
Auf den äußeren Schichten liegen unsere Möglichkeiten des Handelns. Unsere Hände, Füße, Mund, die Sinne und die Haut sind in diesem Modell in den äußersten Schichten verankert. Durch unser Handeln versorgen wir uns mit dem Lebensnotwendigen, treten mit anderen Menschen in Kontakt und in Austausch. Und mit unserem Handeln machen wir unsere Erfahrungen. "Ich bin fleißig und werde belohnt" beispielsweise. Oder "Ich verdiene viel Geld, kaufe tolle Autos, kaufe teure Kleider und werde bewundert"
Unser tiefer und gesunder Wunsch, geliebt zu werden, wird beispielsweise zum Schein erfüllt, indem wir belohnt oder bewundert werden. Die mittleren Schichten merken vielleicht erst viel später, dass es keine Liebe war, weil wir zwischen den Schichten nicht sehr durchlässig waren und deren ursprünglichen Wunsch nach Liebe vergessen haben. Auf der äußersten Schicht blieb auf dem Weg der "Flüsterpost" von Schicht zu Schicht nur noch die Information, wir brächten viel Geld und anerkannte Statussymbole. Vom Wunsch nach Selbstverwirklichung blieb das Streben nach Macht oder nach einem starken Fahrzeug, welches diesen Wunsch ausdrückt. Vom Wunsch nach Lebendigkeit blieb das Streben, den Besitz von ästhetischen Designobjekten zu erstreben.

Das ist hier gemeint mit dem Begriff "Fata Morgana": Der ursprüngliche Impuls ist gesund und er zeigt sich vielfach sogar in den Objekten der oberflächlichen Begierde wieder. Es geht nicht darum, die Freunde an dem Traum vom Schloss und dem Königreich zu beerdigen. Aber es geht darum, die Träume mit einer gewissen inneren Distanz zu beobachten und nach der tieferen Botschaft hinter den Träumen zu suchen.
Wo ist der tatsächliche geografische Ort, an dem sich die Stadt mit der grünen lebenspendenden Oase befindet, die sich in den vordergründigen Objekten der Begierde erkenne? Muss das "Schloss" besessen werden, oder ist es ein nicht notwendig geografischer Ort des inneren Reichtums, der guten Verbindung zu Mitbürgern, den es zu suchen gilt?

Wiedereinmal ist die Meditation eine hilfreiche Methode, die mir den Kontakt zum Kern erleichtert. Meditation bedeutet das Loslassen von den äußeren Zwängen, die sich verselbstständigt haben und die den Grund ihrer Existenz vergessen haben.
Aber bereits das Bild der vielen Schichten, die sich über einander und über unsere tiefsten Sehnsüchte und über unsere Bestimmung legen, hilft, etwas mehr Gelassenheit gegenüber äußeren Zwängen zu entwickeln und uns etwas Zeit zu nehmen, uns auf uns selber zurückzubesinnen.

Die Gelassenheit ist das wirkungsvollste Werkzeug, um aus einer zwanghaften Handlungsweise eine hocheffiziente Lebensweise zu machen, deren Handlungen zu tiefer Zufriedenheit führen.
Die Gelassenheit beinhaltet die paar Sekunden Ruhe, in der die verschiedenen Schichten unserer Seele, unserer Psyche und unseres Körpers miteinander kommunizieren können, ohne die eigentliche Bedeutung der Sehnsüchte und Bestimmungen beim Übersetzen in die verschiedenen Sprachen zu verlieren. Auf diesem Wege können wir unsere äußeren Schichten des Handelns mit der tiefen Weisheit verbinden, die uns den tatsächlichen Ort der fruchtbaren, lebensspendenden Stadt in der Oase, beschreiben kann.
Das Bewusstsein dafür, wie das Prinzip der Fata Morgana wirkt, ermöglicht uns statt den fehlgeiteten direkten Weg auf das täuschende Bild zu gehen, die wirkliche Lage des Ortes zu "berechnen" und den Weg zu finden.

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Veröffentlichung am: 24.06.2014
Letzte Änderung: 24.06.2014
Ulrich Sommer