Glaube und Wirklichkeit

Welchen Bezug kann oder könnte ein Glaube zur Wirklichkeit haben?

  • Gott oder Götter als eigenständige Wesenheiten

    Ein Gott oder Götter könnten als reelle Wesenheiten existieren und als solche wirken, wie in einer religiösen Schrift beschrieben. Die göttlichen Wesen oder das göttliche Wesen könnte sich abhängig oder unabhängig von den Handlungen der Menschen verhalten oder eingreifen. Genau von dieser Annahme gehen die meisten Personen aus, die eine Religion praktizieren oder weitergeben. Ein Gott oder Götter könnten aber auch in völlig anderer Form existieren, als in irgendeiner Religion beschrieben und dennoch eigenständig wirken. Unabhängig davon was Religionen über Gott oder über Götter sagen, wäre es wahrscheinlich, dass ein Gott, der das Universum geschaffen hätte, sich in seinem Wesen im Universum und in der Erde, wie wir sie kennengelernt haben, zumindest teilweise zu erkennen gäbe.

    Viele gläubige Menschen meinen, ihre Religion würde jeglichen Sinn verlieren, wenn ihnen jemand beweisen könnte, dass der in dieser Religion beschriebene Gott nicht reell existieren würde, oder wenn eine in einer religiösen Schrift beschriebene Geschichte mit Wundern nicht in dieser Form geschehen wäre. Doch wir werden im Folgenden sehen, dass Religion auch in anderer Art und Weise eine besondere Bedeutung haben kann:

  • Gott oder Götter als bildhafte Beschreibung von Realitäten, die logisch kaum zu fassen sind.

    Viele Menschen versuchen mit wissenschaftlichen Prinzipien das gesamte Leben als logisch aufgebautes System zu beschreiben, in dem jeder Vorgang als Ursache und/oder Wirkung anderer reeller Phänomene erklärbar ist. Wir könnten vielleicht sogar unterstellen, dass die Realität durch diese Form der Logik beschreibbar wäre. Nur sind wir trotz aller Wissenschaften nicht in der Lage, auch nur einen etwas größeren Teil des gesamten Universums oder Mikrokosmos zu beschreiben. Zwar können beispielsweise Gentechniker mit der Realität in Interaktion treten, indem sie mit den Genen spielen. Nur - beispielsweise die Komplexität der Organisation und Selbstorganisation des Organismus einer Stubenfliege können sie nicht im entferntesten auch nur erfassen. Dies gilt auch für unsere Psyche, für die Vorgänge, die unser Empfinden und Erleben betreffen. Freud hat hier noch einmal einen Ansatz bemüht, alle psychischen Vorgänge als Folge zweier lebensnotwendiger Triebe, dem Überlebenstrieb und dem Fortpflanzungstrieb, zu formulieren. Nur fühlen sich die wenigsten Menschen wirklich verstanden, wenn all ihr Erleben auf verständliche Mechanismen zurückgeführt wird. Man müsste garnicht ausschließen, dass tatsächlich alles auf der Welt auch logischen Gesetzen gehorcht. Aber mit Sicherheit wären wir nicht in der Lage, unser Erleben durch richtig verstandene logische Erklärungen umfassend zu beschreiben. Gerade Phänomene wie Liebe, Glück oder Sehnsucht werden durch rein logische Erklärungen erfahrungsgemäß unbefriedigend beschrieben.

    An dieser Stelle kann Religion eine wichtige Rolle einnehmen: Zwar kann sie ebenfalls nicht die Komplexität der Psyche umfassend erklären. Doch kann sie durch die Bildhaftigkeit der Beschreibungen eine größere Affinität zu unserem Erleben erreichen. Wir fühlen uns durch die Bilder einer Religion einfach besser verstanden, als durch logische Erklärungen.

    Die Beschreibung eines oder mehrerer Götter kann dazu dienen, Lebenserfahrung von Generationen so zu übermitteln, dass einfache Menschen davon Nutzen für ihr Leben ziehen können. Beispielsweise könnte in einer Religion beschrieben sein, dass ein bestimmtes Verhalten von einem Gott bestraft oder belohnt werden könne. Diese Aussage könnte umschreiben, dass die selbe Verhaltensweise die eigene Psyche so einengt oder erweitert, dass sie sich längerfristig rächen würde oder positiv auszahlen könnte. In der gleichen Weise verstehen wir ja auch Märchen als bildhafte Übermittlung von Lebenserfahrung, die nicht daran gemessen werden, ob sie sich wirklich zugetragen haben (Bei Märchen gehen wir ja davon aus, dass sie sich so nicht zugetragen haben).

  • Glaube als Beschreibung einer Realität, die durch eben diesen Glauben beeinflusst wird

    Es haben nicht viele Menschen verstanden, in welchem umfassenden Maße Gedanken Einfluss auf die Wirklichkeit nehmen. Esoteriker betrachten das Phänomen als "metaphysischen" oder magischen Vorgang. Man kann es aber auch sehr wohl psychologisch erklären, dass Menschen an einer Weggabelung nur Wege beschreiten können, die sie als gangbar erkennen und dass sie von den sichtlich gangbaren diejenigen präferieren, die ihrer Denkensweise vertraut erscheinen. Mit anderen Worten ist der Weg durchs Leben durch unsere Gedankenwelt in gleichem Maße vorprogrammiert, wie er auch durch die externen Gegebenheiten, die wir nicht in der Hand haben, vorherbestimmt ist. Menschen, deren Gedanken immer um die Farbe Rosa kreisen, verschlägt es nicht selten fast schicksalhaft in rosa Häuser und Menschen, die sich überwiegend mit der Farbe Grün beschäftigen, dürften vielleicht leichter den Weg ins Grüne finden.
    In dieser Weise kann praktizierte Religiosität in ihrer Bildhaftigkeit maßgeblichen Einfluss auf die Geschicke des Lebens nehmen. Im Erleben macht es vielleicht am Ende gar keinen Unterschied mehr, ob ein reell existierender Geist in unser Leben eingreift, oder ob durch unser religiös "Programmiertes" intuitives Handeln eine statistisch unwahrscheinliche, aber erwünschte Realität in unser Leben tritt.

Wir sehen also, dass Religiosität selbst dann, wenn es einen derartigen Gott nicht gäbe, zentrales Element einer sehr vernünftigen, sprich realitätsbezogenen Lebensweise sein kann.

Wir erhalten vor dem Hintergrund der soeben beschriebenen Zusammenhänge aber auch eine neue Perspektive, aus der heraus wir religiöse Inhalte beurteilen können. Wenn wir religiöse Inhalte beurteilen, dürfen wir jedoch nie vergessen, dass die Realität um ein vielfaches größer ist, als unser kleines "Spatzenhirn" und dass vor Allem die Realität sich nicht daran hält, was wir für richtig halten wollen und was nicht.

Allerdings hält sich die Realität auch ebensowenig daran, was eine breite Masse oder unsere Sozietät uns als Realität vermitteln wollen. Wir können zwar unterstellen, dass die gesammelte Lebenserfahrung von vielen Generationen, die sich in einer Kultur und einer mit der Kultur verbundenen Religion übermitteln, bei weitem größer sind, als unsere kleine Vernunft. Aber ein Gott folgt als eigenständig existierende und frei handelnde Wesenheit nicht der Beschreibung durch eine Religion, bloß weil Millionen von Menschen dieser Religion folgen. Am Ende sind wir bei unser Einstellung zur Realität und bei unserem Glauben auf unsere eigene Vernunft (Vernunft als Summe all des unserem Denken verfügbarem in uns gesammelten Wissens) zurückgeworfen. Daher kann eine Betrachtungsweise aus dem Verständnis von Religiosität als bildhafte Beschreibung oder als "Selbstprogrammierung" doch hilfreiche Erkenntnisse für unser Leben liefern. Wenn wir verstehen, in welcher Weise eine Religion durch ihre Bildhaftigkeit und durch ihren Einfluss auf unsere Psyche ein nützliches Werkzeug für unseren Weg durch das Leben sein kann, dann verliert auch die Frage, ob ein Gott dann als eigenständige Wesenheit genau so existiert, an Bedeutung.
Wir können auch einer Religion folgen, die Beschreibungen eines Gottes vermeidet, entsprechend dem christlichen Gebot "Du sollst dir kein Bild von mir machen". Dann lässt sich der Glaube an diesen Gott, der eigentlich noch nicht einmal mehr einen Namen akzeptiert, kaum mehr unterscheiden von einer einfach respektvoll demütigen Haltung gegenüber dem Wunder des Universums und des Lebens.

Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, wo verständlich wird, warum Religiosität eine sehr vernünftige Haltung und Lebensweise sein kann, in der das Glauben nichts mehr mit blindem Vertrauen auf fremde Religionsführer gemeinsam hat. Es wird aber auch deutlich, warum in diesem Sinne die Vernunft, von der ich rede, nicht abgespalten sein muss von dem nicht logischen, intuitiven, körperlichen oder seelischen Wissen, welches in jedem Menschen gespeichert oder ihm zugänglich ist.

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Veröffentlichung am: 17.08.2005
Letzte Änderung: 22.08.2010
Ulrich Sommer